| Hans-Joachim
Menzel |
Wachsende Stadt Nachhaltige Stadt
Wachstum und Nachhaltigkeit eine
schwierige Beziehung |
Seit
Jahrzehnten ist die Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts (BSP) faktisch der
entscheidende Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft. Seit einer Dekade macht
daneben der Begriff der Nachhaltigkeit Karriere. Beide Paradigmen haben in Deutschland
verfassungsrechtliche Weihen: In Art. 109 GG ist von einem gesamtwirtschaftlichen
Gleichgewicht die Rede, welches das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz definiert als:
Preisstabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und
stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum. Daneben normiert Art. 20a GG
seit 1996: Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen
die natürlichen Lebensgrundlagen im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung. Die
Verfassungskommentatoren assoziieren hiermit das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung.
Doch dieses traute Nebeneinander beider Leitbilder im Grundgesetz täuscht: Ihr
Verhältnis zueinander ist problematisch: |
| Wirtschaftswachstum Das Bruttosozialprodukt ist eine Größe der Volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung. Es kann - allenfalls - die wirtschaftliche Wohlfahrt eines Staatsvolkes
messen. Nicht selten wird diese allerdings gleichgesetzt mit dem gesellschaftlichen
Wohlergehen insgesamt, hängen vom Wirtschaftswachstum doch auch Arbeitsplätze,
Steuereinnahmen und die Finanzierung der Sozialsysteme ab. Dennoch: Das BSP ignoriert den
Verzehr nicht erneuerbarer natürlicher Lebensgrundlagen, steigt bei Reparaturmaßnahmen
zum Ausgleich nicht erfasster ökologischer oder sozialer Schäden, ist blind für
Verteilungs- und damit Gerechtigkeitsfragen und blendet die wirtschaftliche Wertschöpfung
von ehrenamtlicher, familiärer oder illegaler Arbeit notwendigerweise aus. Die vielfachen
Bemühungen, die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung umzustellen bzw. zu ergänzen, um
auch ökologische und soziale Dimensionen einzubeziehen, haben sich zumindest in der
politischen Diskussion nicht durchsetzen können (van Dieren, 1995; Diefenbacher,
2001:113). |
| Nachhaltige
Entwicklung Nachhaltigkeit wird demgegenüber meist
umfassend verstanden: Heutige Bedürfnisse sollen so befriedigt werden, dass auch
zukünftige Generationen ihre Bedürfnisse befriedigen können (Brundtlandt-Kommission,
1987:46). Auch wenn es im einzelnen verschiedene Auffassungen über die Reichweite des
Nachhaltigkeitsbegriffs gibt, hat sich in der regen Fachdebatte seit der Konferenz für
Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein Grundkonsens über den Kerngehalt
eingestellt (Übersicht und Nachweise bei Menzel, 2001:223). Folgende Prinzipien
repräsentieren diesen Kerngehalt:
· Generationengerechtigkeit: Nachhaltige Entwicklung erhält den
zukünftigen Generationen die Grundlagen für die Erfüllung der eigenen
Entwicklungsoptionen;
· Ganzheitlichkeit: Nachhaltige Entwicklung erfordert eine
gleichberechtigte Abwägung zwischen wirtschaftlicher Stabilität, ökologischer
Tragfähigkeit und sozialem Ausgleich (3-Säulen-Modell);
· Globalität: Nachhaltige Entwicklung ist nicht teilbar; das lokale
Handeln muss die Folgen für Menschen in anderen Weltregionen mit einbeziehen;
· Partizipation: Nachhaltige Entwicklung ist ständig neu durch einen
Dialog zwischen Staat / Gemeinde und Gesellschaft zu konkretisieren.
In der politischen wie fachlichen Auseinandersetzung wird Nachhaltigkeit zuweilen dem
Primat des Wirtschaftswachstums unterworfen (nur aus der wirtschaftlichen Wertschöpfung
könnten Sozialtransfers und Umweltschutz bezahlt werden) oder umgekehrt auf die
Umwelt-Dimension verkürzt (z.B. Murswiek, 2002:642) und/oder mit den absoluten Grenzen
des natürlichen Ressourcenangebots identifiziert, die auch die Wirtschaft nicht
überschreiten könne. Das herrschende Verständnis geht jedoch von einer grundsätzlichen
Gleichwertigkeit der ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsdimension
aus (Deutscher Bundestag, 2000; Bundesregierung, 2003:12; FHH 2003: 96).
Weitgehend unbestritten sind auf der zweiten Konkretisierungsstufe die sog.
Management-Regeln, die insbesondere die ökologisch-ökonomischen Anforderungen an eine
nachhaltige Entwicklung präzisieren (Enquete-Kommission, 1998:25):
· Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll
deren Regenerationsrate nicht überschreiten;
· Nicht-erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden,
in dem ein physisch und funktionell gleichwertiger Ersatz geschaffen wird;
· Stoffeinträge sollen sich an der Belastbarkeit der Umweltmedien
orientieren;
· Das Zeitmaß anthropogener Einträge bzw. Eingriffe in die Umwelt
muss im ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß der natürlichen Prozesse stehen;
· Gefahren und unvertretbare Risiken für die menschliche Gesundheit
durch anthropogene Einwirkungen sind zu vermeiden. (Verbreitet wird hier auch der
Vorsorge- und Vorbeugungsgrundsatz verortet.)
Nachhaltigkeit hat unterschiedliche Horizonte: Bodennutzung,
Wassergüte und soziale Integration sind eher lokale oder regionale
Nachhaltigkeitsprobleme; der Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen, der Klimaschutz und
die Sicherheit vor Terrorismus sind dagegen grenzüberschreitende Fragen globaler
Nachhaltigkeit. Auch bei letztgenannten liegt die Verantwortung auf der Handlungsebene
jedoch zumeist im Lokalen.
Die globale Perspektive von Nachhaltigkeit macht das Dilemma des Wachstums-Leitbildes
deutlich: Einerseits ist unbestreitbar, dass viele arme Länder erhebliche
Wachstumsimpulse benötigen, um die gesellschaftliche Wohlfahrt zu erhöhen. Andererseits
hat die Ausrichtung der Industriestaaten am quantitativen Wachstumsparadigma entscheidend
zu der negativen Entwicklung beigetragen, die zum neuen Leitbild
Nachhaltigkeit führte: ...Ist die Hauptursache für die allmähliche
Zerstörung der globalen Umwelt in den nicht nachhaltigen Verbrauchs- und
Produktionsmustern insbesondere in den Industrieländern zu sehen, die
Anlass zu ernster Besorgnis geben und zunehmende Armut und Ungleichgewichte
verursachen (Bundesumweltministerium, Agenda 21:22, 44). |
| Stadtentwicklung
zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit |
| Wachstum
als Instrument Wachstum einer Stadt
heißt üblicherweise Wachstum der Bevölkerung, Erhöhung der Einwohnerzahl - und nicht
unbedingt: Wirtschaftswachstum. Das Konzept Metropole Hamburg wachsende
Stadt des Senats der Hansestadt (FHH 2002) setzt allerdings auf Wirtschaftswachstum,
das zu Bevölkerungswachstum führen soll: Eine florierende Wirtschaft biete
Arbeitsplätze und neue Chancen für Unternehmer. Nur so werde ein stärkerer Zuzug nach
Hamburg möglich. Die Förderung von Familie, Kultur, Bildung und Wissenschaft wird als
notwendiges Mittel zur Erreichung dieser Wachstumsziele behandelt. Die Attraktivität der
Stadt und dazu gehöre auch eine intakte Umwelt - wird zum
weichen Standtortfaktor und zum wesentlichen Wettbewerbsparameter
(FHH 2002:8). In der Fortschreibung des Konzepts betont der Senat eine qualitative
Wachstumsstrategie sowie die Sicherung der Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit der
Stadt (FHH 2003:1).
Er will das Leitbild der wachsenden Stadt als Querschnittspolitik und als ein
Stadtentwicklungskonzept verstanden wissen, das weit über die klassische
Wirtschaftsförderung hinausreiche (FHH, 2002:8). Damit muss es sich messen lassen
an den vielfältigen und differenzierten Debatten der letzten Jahre um Stadtentwicklung
und ein zukunftsfähiges Siedlungswesen. |
| Habitat
II Habitat II, die UN-Siedlungskonferenz 1996 in
Istanbul, vertiefte den Ansatz einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung, wie
ihn schon 1992 die Agenda 21 vertrat. In den Abschlussdokumenten spielt Wachstum im Sinne
der Steigerung des BSP keine Rolle. Ziel und Focus der Konferenz war die Lebensqualität
in den Siedlungen. Wachstumsförderung wurde auf die dazu notwendigen Strukturen,
Institutionen und Dienste orientiert (BMRBS, 1997).
Im vorbereitenden nationalen Aktionsplan der Bundesregierung heißt es zu den
wirtschaftlichen Aktivitäten in den Städten: Sie bilden als Markt- und
Kommunikationszentren ... die Brennpunkte von Innovation und Fortschritt. Dies muss als
Chance genutzt werden, nachhaltiges Wirtschaften in der Stadt zu fördern. Die Kommunen
können dazu beitragen, dass durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Beteiligter ...
Synergieeffekte bewirkt werden, die sich für die Entwicklung und Anwendung umwelt- und
ressourcenschonender Technologie nutzen lassen... Die Wirtschaft trägt eine besondere
Verantwortung etwa für eine effizientere Ressourcenverwertung, eine Substitution von
nicht-erneuerbaren durch erneuerbare Stoffe, eine Schließung von Kreisläufen, für die
Entwicklung umweltverträglicherer Produkte und damit indirekt auch für die Veränderung
von Nachfrage- und Konsumgewohnheiten (BMRBS, 1996:9). |
| Aalborg-Charta In dieser Tradition steht auch die Aalborg-Charta europäischer Städte und
Kommunen, die der Hamburger Senat 1996 unterzeichnete (Aalborg-Charta 1996). Einige Zitate
aus diesem Dokument zeigen, dass nicht Wachstum, sondern Nachhaltigkeit Maßstab für die
weitere Entwicklung auch der Hansestadt sein sollte:
Wir europäischen Städte und Gemeinden...verstehen, dass unsere derzeitige
städtische Lebensweise, insbesondere unser arbeits- und funktionsteiliges System, die
Flächennutzung, der Verkehr, die Industrieproduktion, Landwirtschaft, Konsumtion und die
Freizeitaktivitäten und folglich unser gesamter Lebensstandard uns für die vielen
Umweltprobleme wesentlich verantwortlich macht, denen die Menschheit
gegenübersteht. Wir haben erkannt, dass der heutige Pro-Kopf-Verbrauch von
Ressourcen in den Industrienationen nicht für alle jetzt lebenden Menschen, ganz zu
schweigen von künftigen Generationen, möglich ist, ohne das natürliche Kapital zu
zerstören. Wir Städte und Gemeinden verstehen, dass der einschränkende
Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung unserer Städte und Gemeinden das natürliche
Kapital (wie Atmosphäre, Boden, Wasser und Wälder) geworden ist. Folglich müssen wir in
dieses Kapital investieren (Aalborg-Charta:I.1, I.6). |
| Forschungsprojekt
Städte der Zukunft Im groß angelegten
Forschungsprojekt Städte der Zukunft des Bundesamtes für Bauwesen und
Raumordnung schließlich ist standortsichernde Wirtschaftsförderung eines von
vier gleichwertigen städtebaulichen Handlungsfeldern neben haushälterischem
Bodenmanagement, vorsorgendem Umweltschutz und
sozial-verantwortlicher Wohnungsversorgung. Die von dem Projekt entwickelten
Strategien, Orientierungswerte (quantitative Zielmarken) und erfolgsanzeigenden
Indikatoren repräsentieren den aktuellen Stand der Stadtentwicklungsdebatte und weisen
weit über den Horizont des Wachstumsparadigmas hinaus (Fuhrich 2002;
www.staedte-der-zukunft.de). |
| Lokale
Standortpolitik und globale Nachhaltigkeit Jenseits
aller Nachhaltigkeits-Postulate sieht sich jede Stadtregierung ganz konkret einer starken
Konkurrenz zu anderen Gemeinden ausgesetzt: Im Rahmen der kommunalen Autonomie ist sie
geradezu gezwungen, auf ihrem Gebiet Wirtschaftsunternehmen neu anzusiedeln, zu erweitern
oder wenigstens zu halten. Denn allein private Betriebe schaffen Arbeitsplätze
(außerhalb des öffentlichen Dienstes) und bewirken Steuereinnahmen, die Infrastruktur-
und Sozialpolitik erst ermöglichen. Keine Stadtregierung kann ihre Politik auf eine
Verringerung der lokalen Wirtschaftskraft ausrichten, Wachstum durch Schrumpfen ersetzen.
Damit wird ein grundsätzliches Struktur-Dilemma nachhaltiger Stadtentwicklung offenbar:
Politische Entscheidungen wie der Senatsbeschluss zum Konzept der wachsenden Stadt
müssen sich an den verschiedenen Interessen der lokal begrenzten
Legitimationsbasis, am Wohl der Wählerinnen und Wähler, orientieren. Nationalegoismen,
Standortkonkurrenz und lokalpatriotische Kirchturmspolitik haben hier ihre Wurzel.
Nachhaltigkeit kann es demgegenüber letztlich nur global geben. Die oben zitierten Sätze
aus der Agenda 21 und der Aalborg-Charta beklagen, dass lokale Entscheidungen in den
Industrieländern zu globalen Schäden und Risiken geführt haben, die besonders die armen
Länder im Süden treffen. Andererseits würde eine rigorose, global orientierte
Nachhaltigkeitspolitik in der Kommune den Wählerinteressen widersprechen (zu diesem
Dilemma Zilleßen, 1998:5-7).
Wirtschaftliche Entscheidungen sind grundsätzlich am Interesse der Eigentümer orientiert
oft am kurzfristigen shareholder-value. Ökologische und soziale Folgen sind in
aller Regel nicht entscheidungsleitend. Standortfragen werden nach den günstigsten
Konditionen beantwortet und hier eben den wirtschaftlichen (Marktnähe,
Ressourcenverfügbarkeit, Kosten, Gewinnwartung). Nachhaltigkeit als ganzheitliche
Zukunftssicherung ist demgegenüber langfristig angelegt und bezieht ökologische und
soziale Interessen gleichberechtigt mit ein (zu diesem Dilemma: Sachs, 2002:56,162).
Mit anderen Worten: Wirtschaftsentscheidungen sind tendenziell global, aber
eindimensional; Politikentscheidungen sind tendenziell mehrdimensional, aber nicht global;
Nachhaltigkeit aber ist global und zugleich mehrdimensional.
Zukunftsfähigkeit des Standortes meint Stärke, Wachstum auf Kosten der
Konkurrenten. Zukunftsfähigkeit im Sinne der Nachhaltigkeit meint einen
möglichst großen Beitrag der Stadt zu einer global nachhaltigen Entwicklung.
Zielkonflikte zwischen beidem sind programmiert.
Zunächst ist allerdings jede Unternehmensansiedlung unter der globalen
Nachhaltigkeits-Perspektive betrachtet ein geografisches Entweder-Oder, die
Standortfrage insofern Nachhaltigkeits-neutral: Wo ein Unternehmen eine bestimmte Menge
von CO2 emittiert oder 1000 t eines endlichen Rohstoffs verbraucht, ist global gesehen
unerheblich. Deswegen wäre es auch aus Nachhaltigkeits-Sicht zu kurz gegriffen, notwendig
ressourcen- und abfallintensive Branchen und Unternehmen, die der Bedürfnisbefriedigung
dieser und folgender Generationen (auch in anderen Weltregionen) dienen, prinzipiell als
nicht nachhaltig vom eigenen Standort verbannen zu wollen. Es kommt vielmehr
darauf an, den Umfang des Rohstoffverbrauchs und der Emissionen zu reduzieren, soziale
Verwerfungen zu vermeiden. Hierfür gewinnt die Wahl des konkreten Standorts mit seinen
spezifischen Möglichkeiten und Risiken eine entscheidende Bedeutung. |
| Nachhaltige
Entwicklung als Rahmenbedingung für Wachstum Diese komplexe Dialektik zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit versucht der
Hamburger Senat in seinem Konzept Metropole Hamburg wachsende Stadt
durch eine einfache Synthese aufzulösen: Intelligentes Wachstum ist Ausdruck einer
nachhaltigen Entwicklung (FHH 2002:1). Unter dem Titel
Rahmenbedingung Nachhaltige Entwicklung heißt es: Wachstum
und Nachhaltigkeit sind gut miteinander vereinbar, wenn das Wachstum im Sinne einer
nachhaltigen Entwicklung insbesondere ein beschäftigungsintensives Wachstum der
Wertschöpfung ist, das möglichst entkoppelt wird vom Verbrauch an knappen natürlichen
Ressourcen ... (FHH, 2002:16). Insbesondere bei folgenden Aufgaben bestehe die
Herausforderung, Wachstum und nachhaltige Entwicklung über Win-Win-Lösungen im
Einklang miteinander zu realisieren:
· Flächenmanagement
Ein sorgsamer Flächenverbrauch...wird angestrebt. Deshalb gilt der Grundsatz: Sanierung
von Flächen ist möglichst der Neuerschließung vorzuziehen...
· Nachhaltiges Wirtschaften
Hamburger Unternehmen werden darin unterstützt, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu
entkoppeln und nachhaltigkeitsfördernde Innovationen zu realisieren...
· Klimaschutz
Mit Blick auf die Mitverantwortung Hamburgs für das Weltklima wird
angestrebt, die CO2-Emissionen zu reduzieren... (FHH, 2002:16).
Die häufige Verwendung von möglichst und anstreben desavouieren
jedoch den Titel Rahmenbedingung, sind salvatorische Klauseln. Nur soweit
Wachstum und zugleich auch Nachhaltigkeit zusammen erreichbar sind
(win-win-Lösungen), kommt nachhaltiger Entwicklung im Senatskonzept Bedeutung
zu. Nachhaltig ist aber nicht das ggf. erfolglose Bemühen um
win-win-Lösungen, sondern eine erhebliche tatsächliche Reduktion von Ressourcenverbrauch
und CO2-Emissionen in absoluten Größen und sei es auf Kosten des Wachstums des
Bruttosozialprodukts. (Aus globaler Perspektive und angesichts der höchst ungleichen
Verteilung von Ressourcennutzungen und Umweltbelastungen in den Industrie- und den
Entwicklungsländern werden Reduktionsraten im Norden von 80-90 % in 50 Jahren für
notwendig gehalten, um bei gleichem Umweltraum-Anspruch jedes Menschen eine
weltweit nachhaltige Entwicklung zu erzielen (BUND/Misereor, 1996:80; Meadows, 1992)).
Die Fortschreibung des Leitbildes wachsende Stadt (FHH 2003) reichert das Kapitel
Zukunftsfähigkeit mit zusätzlichen Handlungsfeldern an und gibt insgesamt
die Dominanz der Ökonomie in der bisherigen Leitbild-Darstellung auf. Diese durchaus
abgewogenere Präsentation einschließlich neuer Nachhaltigkeits-Projekte erhöht die
Komplexität für Entscheidungen zur wachsenden Stadt erheblich. Eine
Übernahme des Nachhaltigkeits-Paradigmas als verbindliche Rahmenbedingung für die
gesamte Stadtentwicklung bedeutet aber auch die Fortschreibung nicht. Dies zeigt sich
nicht zuletzt am Konzept für die Gründung einer Hamburg Marketing / Wachsende
Stadt GmbH vom September 2003, die das Leitbild der wachsenden Stadt umsetzen und
seine vier Leitprojekte Sprung über die Elbe, Sportstadt Hamburg,
Welcome to Hamburg und Hamburg Metropole des Wissens
moderieren und fördern soll. In diesem Umsetzungskonzept fehlt jeder Hinweis auf die
Nachhaltigkeits-Qualität des angestrebten Wachstums. Es entsteht vielmehr der Eindruck,
dass die Zukunftsfähigkeits-Rhetorik der Konzept-Fortschreibung ihre Bewährung in der
Praxis erst noch vor sich hat. |
| Nachhaltiges
Wachstum Handlungsfelder, Indikatoren Im
Folgenden sollen unter der Abkürzung nachhaltiges Wachstum die Anforderungen
und Handlungsfelder einer erfolgreichen Synthese zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum
betrachtet werden wohl wissend, dass die Doppeldeutigkeit von
nachhaltig (qualitativ im oben dargestellten Sinne versus temporär im Sinne
von stetig, andauernd) gerade in Verbindung mit Wirtschaftswachstum zu Missverständnissen
führen kann, wohl wissend auch um das oben dargestellte Dilemma zwischen lokaler
Standortkonkurrenz und globalen Nachhaltigkeitspostulaten. |
| Die
Bedingung: Qualitatives statt quantitatives Wachstum Für
die politische Praxis bedeutet nachhaltiges Wachstum zunächst das bewusste
Anerkennen der Mehrdimensionalität auch von wirtschaftspolitischen Entscheidungen und
eine Überwindung der gerade in diesem Bereich traditionell starken Ressortgrenzen.
Die Berücksichtigung der Mehrdimensionalität oder Ganzheitlichkeit von Nachhaltigkeit
begrenzt die Durchsetzung des Wachstumsparadigmas: Eine Verbindung von Wachstum und
Nachhaltigkeit heißt konkret, dass nur solche Produktions- und Konsumbereiche wachsen,
die die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen lokal und global besser bewahren und
schonender entwickeln als andere. Investitionen in Klimaschutz, Ressourceneffizienz,
Energiereinsparung, erneuerbare Energieträger, Gewässerschutz, Gesundheit, Bildung und
soziale Integration sollten wachsen und gezielt gefördert werden. Dagegen müssen
Wirtschaftsbereiche, Siedlungsformen und Produktionsweisen, die den Rohstoff- und
Energieverbrauch, den CO2-Ausstoß, den Flächenverbrauch, den motorisierten
Individualverkehr mit seinen Emissionen und die soziale Disparität zwischen einzelnen
Bevölkerungsgruppen und Stadtteilen erhöhen oder die Wasserqualität, die Artenvielfalt,
die Natur als Lebens- und Erholungsraum beeinträchtigen, mittel- bis langfristig
eingeschränkt und vermieden werden.
Eine Orientierung am Wachstum des (gesamten) Bruttosozialprodukts, an der reinen Anzahl
von Betrieben, Arbeitsplätzen und Einwohnern, ist nicht geeignet, eine solche
Differenzierung zu leisten. Das BSP wächst auch und gerade durch
verschwenderischen Ressourcenverbrauch. Gefordert ist für jede wirtschaftspolitische
Planung, jede wirtschaftliche Investitionsentscheidung eine bewusste und möglichst
konkrete Abwägung der Wachstumsfolgen für alle drei Nachhaltigkeits-Dimensionen.
Da wirtschaftliche Stabilität, ökologische Tragfähigkeit und sozialer Ausgleich über
kein tertium comparationis verfügen, mit dem man diese Abwägung quantifizieren könnte,
bleibt sie notwendig normativ, legitimationsbedürftig. Sie muss sich dem öffentlichen
demokratischen Diskurs stellen. Wie bei der gerichtlichen Überprüfung von grundrechtlich
gebundenen Ermessensentscheidungen der Staatsverwaltung muss deutlich und nachvollziehbar
werden, dass die relevanten (wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen) Gesichtspunkte
gesehen und berücksichtigt wurden und warum die konkrete Entscheidung so gefallen ist. |
| Monitoring
Ob (Wirtschafts-)Wachstum erreicht wurde, ist
herkömmlich am BSP abzulesen. Das Wachstum der Stadt manifestiert sich an den
Einwohnerzahlen, dem Saldo aus Zu- und Wegzügen. Wesentlich komplizierter ist dagegen die
Antwort auf die Frage, ob das Wachstum auch nachhaltig war. Das Konzept der wachsenden
Stadt des Hamburger Senats enthält dazu nur die Hinweise auf Beschäftigungsintensität,
Flächennutzung, ressourcenschonendes Produzieren und CO2-Emissionen.
So geeignet Indikatoren hierzu für ein Nachhaltigkeits-Monitoring auch sind die
Mehrdimensionalität von Nachhaltigkeit geht darüber hinaus. Obwohl sich die Hansestadt
in der Aalborg-Charta (I.14) zur Anwendung von Indikatorensystemen zur Überprüfung der
nachhaltigen Stadtentwicklung verpflichtete, gibt es weder vom Parlament noch vom Senat
Bemühungen, diese Aufgabe anzugehen. Allein die Umweltbehörde entwickelte für ihren
Zuständigkeitsbereich ein Fachprogramm mit differenzierten Handlungszielen und
Indikatoren (Umweltbehörde, 2001). Die intensiven Fachdiskussionen auf allen politischen
Ebenen (UN, EU, Bundesregierung, Kommunen) über umfassende Nachhaltigkeitsindikatoren
haben die politischen Entscheidungsträger Hamburgs jedoch bisher nicht erreicht.
Nur der Zukunftsrat Hamburg ein Forum von fast 100 nichtstaatlichen Organisationen,
Kammern und Unternehmen entwickelte für alle Dimensionen der Nachhaltigkeit
(Wirtschaft, Umwelt, Soziales, Partizipation) einen Katalog von 32 Nachhaltigkeitszielen
mit 48 Indikatoren (Zukunftsrat, 2003). Die für die Jahre 1992-2002 ermittelten
statistischen Zeitreihen dazu ergeben ein differenziertes Bild: Während das
Wirtschaftswachstum stieg und die Öko-Zertifizierungen zunahmen, zeugen andere
Indikatoren wie die Staatsschulden, die Arbeitslosenzahlen, die Schulabgänger ohne
Abschluss oder die Anzahl der Sozialhilfeempfänger von einer nicht nachhaltigen
Entwicklung. Im Umweltbereich stehen sich positive Trends für Gewässergüte,
Luftqualität und Naturschutzflächen und negative für Abfall, Flächenversiegelung und
CO2-Emissionen gegenüber. |
| Wachsende
Stadt nachhaltige Stadt, zwei Beispiele Abschließend
sollen zwei konkrete Beispielsfelder aus dem Konzept Metropole Hamburg
wachsende Stadt die vorstehenden, eher grundsätzlichen Ausführungen zur Dialektik
von Wachstum und Nachhaltigkeit veranschaulichen: |
| Flächennutzung Die Lebensweise wohnen im Umland, arbeiten in der Stadt erzeugt
Pendlerverkehr mit all seinen Emissionen, fördert die Zersiedlung der Region durch
extensive(re) Flächennutzung und verstärkt die soziale Desintegration der Kernstadt.
Dies ist nicht nachhaltig. Insofern bedeutet das Hauptanliegen des Hamburger Senats,
wieder mehr Menschen innerhalb der Stadtgrenzen anzusiedeln, tendenziell
nachhaltiges Wachstum. Dies gilt dann, wenn die Stadt die
Innenentwicklung und Nachverdichtung (FHH, 2002:26), die behauptete Priorität
der Flächen-Sanierung vor der Flächen-Neuerschließung in der Praxis auch umsetzt.
Die demografische Entwicklung in Hamburg wird unabhängig von
Zu- und Wegzügen langfristig zu einem dramatischen Rückgang der Bevölkerung
führen: Heute sind die 10 Jahrgänge der 5- bis 15-Jährigen weniger als halb so stark
wie die 10 Jahrgänge der 30- bis 40-Jährigen (Statistisches Landesamt, 2003:12). Der
Bedarf nach zusätzlichem Wohnraum wird stark abnehmen. Andererseits gibt es eine Reihe
von kleinen bis mittelgroßen innerstädtischen Grundstücken, die als
Konversionsflächen, Baulücken, Sanierungsflächen grundsätzlich für eine Neubebauung
(Wohnen oder Gewerbe) zur Verfügung stehen.
Angesichts dieses Befundes ist die Suche und Festlegung neuer Einfamilienhaus-Gebiete in
Randlagen (FHH, 2002: 27) wenig nachhaltig: Die Stadtfläche ist insgesamt nicht
vermehrbar, und sie muss viele verschiedene Funktionen erfüllen. Herkömmliche
Einfamilienhaus-Grundstücke nutzen diese Fläche am uneffektivsten. Und sind sie erst
einmal an private Bauherren verkauft, ist bei einem Bevölkerungsrückgang eine
Re-Naturierung für die Allgemeinheit praktisch ausgeschlossen.
Anstatt Stadtrand-Flächen, die bisher dem Landschaftsschutz, der
Erholung oder der stadtnahen Lebensmittelversorgung dienten, neu als Bauland zu
erschließen, müssen auch im urbanen Raum Möglichkeiten des Wohnens geschaffen werden,
die mit Einfamilienhaus-Qualitäten konkurrieren können und dennoch Fläche intensiv
nutzen. Gerade bei der umworbenen jungen Wirtschaftselite könnten kreative und gleichwohl
familienfreundliche, besondere Lösungen auf größere Resonanz treffen als
traditionelle weiträumige Neubausiedlungen am Stadtrand ohne Metropolen-Flair.
Wohnqualität ist eine sehr komplexe Angelegenheit, die über die Eigentums- und
Gartenfrage weit hinausreicht bis zu den sozialen, infrastrukturellen und ökologischen
Eigenschaften des Wohnumfelds. Einen entscheidenden Einfluss auf die Attraktivität dieser
Flächen hat die Bodenpreispolitik der städtischen Liegenschaftsverwaltung. Sie könnte
hier Steuerungsfunktionen im Sinne der Nachhaltigkeit übernehmen. |
| Wirtschaftliche
Kompetenz-Cluster Im Senats-Konzept der
wachsenden Stadt spielt die Förderung von sog. Kompetenz-Clustern eine besondere Rolle:
LifeSciences, Informationstechnologie und Medien, Luftfahrtindustrie, Hafen und Logistik
werden als die Branchen identifiziert, deren Ausbau der Stadt zu Wachstum durch
Synergieeffekte verhelfen soll (FHH 2002:20, 34). Diese Cluster werden auch in der
Konzept-Fortschreibung vor allem ökonomisch verstanden: Es geht um quantitatives
Unternehmens-, Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum. Trotz der Rahmenbedingung
nachhaltige Entwicklung macht das Konzept keinerlei Aussagen z.B. zu den
ökologischen Risiken und Chancen der jeweiligen Cluster. Eine Abwägung zwischen den drei
Nachhaltigkeits-Dimensionen ist nicht ersichtlich.
Die genannten Wachstums-Cluster wirken sehr unterschiedlich auf eine nachhaltige
Entwicklung: Luftfahrtindustrie, Hafen und Logistik sind besonders Ressourcen-, Energie-,
Flächen- und auch Lärm-intensiv. LifeSciences , Informationstechnologie und Medien haben
stärker sozial- und gesellschaftspolitische Implikationen, aber auch einen sehr
spezifischen, z.T. problematischen Rohstoffbedarf. Dem stehen Chancen für
Beschäftigungswachstum, Ressourceneffizienz durch Miniaturisierung und zielgenauen
Stoffeinsatz und für die medizinische Versorgung gegenüber.
Die einzelnen Hamburger Standort-Bedingungen für ein nachhaltiges Wachstum
der jeweiligen Kompetenz-Cluster können hier nicht erörtert werden. Nur eine Bemerkung
sei gestattet: Geradezu modellhaft macht der geplante Ausbau der Luftfahrtindustrie das
Dilemma zwischen lokaler Standortpolitik und globaler Nachhaltigkeit augenfällig: Die
Flugzeugindustrie mit hohen öffentlichen Infrastrukturkosten ausgerechnet an einem
ökologisch besonders sensiblen Standort und zwischen einem lärmempfindlichem dichten
Siedlungsbereich im Norden und einer traditionsreichen Obstanbau- und Kulturlandschaft im
Süden auszubauen (und dann noch vorgefertigte Flugzeugteile zwischendurch 2000 km mit dem
Schiff bzw. Flugzeug zwischen Toulouse und Hamburg zu transportieren) dies folgt
bestenfalls der Logik der Standortkonkurrenz, jedenfalls nicht der Rationalität globaler
Nachhaltigkeit (vgl. Michaelis, 2001:458).
Bei gegebener Standortentscheidung fordert nachhaltiges Wachstum alle
Anstrengungen, um Flächenerschließung, Infrastruktur und Produktionsweise so
beschäftigungswirksam, sozial ausgewogen, Ressourcen- und Klima-schonend sowie Abfall-
und Emissions-arm zu gestalten, wie es überhaupt möglich ist. Hierauf ist in den
Verhandlungen zwischen Stadt und Wirtschaft im Gemeinwohlinteresse hinzuwirken, hier muss
die Mehrdimensionalität von Nachhaltigkeit eingefordert werden. Dabei bietet gerade die
Clusterbildung Chancen für Kreislaufwirtschafts-Ansätze und Nachhaltigkeits-Synergien,
die über das einzelne Unternehmen und sein eigenes Umweltmanagement weit hinausgehen
(BMRBS 1996:9, s.o.). Diese Vorteile von Wirtschafts-Clustern sind bisher jedoch nicht im
Blick des Hamburger Senats.
In der Fortschreibung des Leitbildes hat der Senat der Behörde für Umwelt und Gesundheit
den Auftrag erteilt, den Aufbau eines Clusters Regenerative Energien
insbesondere für den Bereich der Wasserstofftechnologie zu prüfen (FHH 2003, S.54).
Damit berücksichtigte er Anregungen des Zukunftsrats Hamburg und des BUND zum ersten
Leitbild-Konzept 2002. Angesichts der Endlichkeit fossiler Energieträger, bereits
bestehender Kompetenzen und Erfahrungen in der Region sowie der geplanten
Offshore-Windanlagen vor den Toren der Stadt könnte Hamburg hier
Wirtschaftswachstum (auch in Form von branchennaher Dienstleistung und Expertise) und
Nachhaltigkeit geradezu ideal zur Synthese bringen. |
| Schlussbemerkung Wachstum und Nachhaltigkeit sind zwei unterschiedliche Paradigmen, die sich
weder gegenseitig ausschließen, noch gegenseitig stärken. Im Fachdiskurs der
Stadtentwicklung wurde das Wachstums-Leitbild in der letzten Dekade vom Konzept der
nachhaltigen, zukunftsfähigen Siedlung abgelöst. Das neue Hamburger Leitbild der
wachsenden Stadt knüpft demgegenüber an herkömmliche Standortpolitik an, ohne die
inzwischen global anerkannten Nachhaltigkeitsziele zu operationalisieren und wirklich
handlungsleitend zu integrieren. Wachstum und Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung
miteinander zu verbinden, erfordert politisch wie wirtschaftlich ein bewusstes Umdenken
und Umsteuern. Umweltpartnerschaften zwischen Staat und Wirtschaft sowie
integrierte Ressourcen- und Umweltmanagementprogramme in den Unternehmen sind dazu
notwendig, aber nicht ausreichend. Über Leuchtturmprojekte hinaus bedarf es
eines neuen Strukturansatzes: Bei allen stadtentwicklungs- und wirtschaftspolitischen
Entscheidungen ist zumindest das Wie der Umsetzung das Ob unterliegt nicht selten
der Standortlogik gezielt an Kriterien der ökologischen Tragfähigkeit und des
sozialen Ausgleich auszurichten. Das setzt ein Monitoringsystem und eine Absicherung durch
Verfahren voraus und bedarf der demokratischen Legitimation durch nachvollziehbaren
öffentlichen Diskurs. |
Literatur
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nachhaltigen Entwicklung als Modernisierungsansatz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B
50/1998, 3-10
ZUKUNFTSRAT HAMBURG: Heinz Hamburger Entwicklungsindikatoren Zukunftsfähigkeit,
Hamburg, 2003; www.zukunftsrat.de |